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Mother Tongue

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Peter Randall-Page hat seine Skulpturen, Zeichnungen und Druckgrafiken in den vergangenen 30 Jahren weltweit ausgestellt. Inzwischen ist er in Japan, Südkorea und Australien, in den Vereinigten Staaten und einem Großteil Europas in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten – in London beispielsweise in denjengen der Tate Gallery und des British Museum. Wohl am bekanntesten sind seine im öffentlichen Raum installierten Steinskulpturen. In allen Medien und Materialien jedoch entspringt die entscheidende Qualität seiner Arbeit der intensiven Auseinandersetzung mit der Geometrie. Er arbeitet mit Naturstein oder Ton und bezieht seine Inspiration aus dem Studium organischer Formen und ihrer Wirkung auf den Betrachter. In manchen Arbeiten ändert er die Form eines natürlich vorkommenden Objektes kaum, in anderen überwindet er den biomorphen Wildwuchs zugunsten einer geometrischen Klarheit. Ausdrucks- und variantenreich ist auch, wie er sich die Geometrie innerhalb der natürlichen Ordnung und einige mathematische Prinzipien zunutze macht, die natürlichen Mustern und Erscheinungen zugrunde liegen.
Bei „Blickachsen 9“ stellt Randall-Page an verschiedenen Standorten insgesamt zehn Skulpturen aus, die einen Einblick in das Spektrum seiner Arbeit vermitteln.
In Frankfurt sind auf dem Campus Westend und dem Campus Riedberg jeweils drei Werke aus Irischem Blaustein zu sehen.
Mit dem blauen Kalkstein aus einem Steinbruch im irischen Kilkenny hat Randall-Page einen über Jahrmillionen in Küstenbereichen entstandenen Sedimentstein als Material gewählt, dessen Kohlenstoffgehalt und fossile Elemente der Meeresfauna ihm sein charakteristisches Aussehen verleihen. Hierauf scheinen die beiden auf dem Campus Riedberg ausgestellten Arbeiten durch ihren Titel „By Another Ocean“ (An einem anderen Ozean) Bezug zu nehmen – genauso wie durch ihre organischen Formen und wellenförmigen Linien, die auch das Erscheinungsbild von „Mother Tongue“ (Muttersprache) bestimmen.
Auf dem Campus Westend sind hingegen drei geometrisch perfekte Ei-Formen zu sehen, deren Titel „Corpus“, „Fructus“ und „Phyllotaxus“ durch die scheinbar naturwissenschaftliche Nomenklatur dennoch in den Bereich der Biologie verweisen. Sie sind Teil einer Werkreihe, in deren Mittelpunkt die Auseinandersetzung des Bildhauers mit natürlichen Wachstumsmustern steht – etwa, wie bei der für „Blickachsen 9“ geschaffenen Skulptur „Phyllotaxus“, in der spiralförmigen Anordnung von Blatt- und Fruchtständen (Phyllotaxis).
An der Ausgrabungsstätte des Kleinkastells Altes Jagdhaus, dem zweiten „Blickachsen-9“-Standort am UNESCO-Welterbe Limes, zeigt Peter Randall-Page vier in ihrer Oberflächengestaltung unterschiedliche Granitskulpturen. Für diesen im Wald gelegenen Ort, an dem ebenfalls Teile des römischen Mauerwerks konserviert sind, hat Randall-Page vier aus Granit-Findlingen entstandene Arbeiten ausgewählt. Anders als bei den auf dem Campus Westend platzierten Werken, hat der Künstler die in der Natur beobachteten Muster hier jeweils der natürlichen, im Verlauf von Jahrmillionen durch Erosion entstandenen und aus mathematischer Sicht chaotischen Form des Steins angepasst. So setzt er sich mit dem dynamischen Verhältnis zwischen geometrischer Ordnung und zufälliger Veränderung in der Natur auseinander und spiegelt das vorherrschende Gleichgewicht von Ordnung und Chaos. Die Werke heißen „Cupressus“ – so lautet auch der wissenschaftliche Name für Zypressen und tatsächlich erinnert der Stein an den Zapfen einer Zypresse –, „Exhalation“ (Ausatmung, Ausströmung), „Sum of the Parts“ (Die Summe seiner Teile) und „Flayed Stone“ (Geschundener Stein). Sie scheinen dem natürlichen Umfeld zugehörig und sind doch deutlich von Menschenhand gemacht.

Erstellungsjahr 1998
Technik Irischer Blaustein
Maße 115 x 190 x 111 cm
ausgestellt in Blickachsen 9, Frankfurt